
|
 |
ID: DV-JASQ2DVD
Künstler: SHEPP ARCHIE QUARTET
Komponist:
VÖ Datum: 2005-01-17
Label: TDK Recording
Region: Jazz
Stil: rec. 1977 Turin
Typ: DVD
Anzahl DVDs: 1
Code: 210
Preis: 30,00 EUR (exkl. MwST.: 25,00)
Info:
"Ich bin ein Blues Man. Mein Vater hat mir gezeigt, was der Blues ist. Das habe ich nicht erst 1970 gelernt. Lee Morgan hat mich gelehrt, was Changes sind," betonte der Sohn eines Banjo-Spielers einmal in einem Interview. Was Archie Shepp damit meint, kann man dem vorliegenden Konzertmitschnitt des Jahres 1977 entnehmen. "Sonny's Back" ist nicht nur eine Verbeugung vor dem großen Tenor-Kollegen Sonny Rollins, sondern einer jener Blues, wie sie so gern am Schluß von Jazzkonzerten stehen: wie eine bekräftigende Schlußformel, ein "ja, da kommen wir her, das sind unsere Wurzeln", ein "das ist die Essenz", eine Art Amen des Jazz. Ähnlich roots-bewußt, fast noch essentieller ist in seiner motivischen Simplizität das erste Stück nach der Pause, "Things have got to Change" von Shepps und John Coltranes Freund Cal Massey, dessen "Message from Trane" den ersten Teil des Konzertes eröffnete, das übrigens unlängst auf TDK veröffentlicht wurde. Und was "Changes" im Jazz sein können, zeigen etwa die raffinierten Harmoniefolgen von "Sophisticated Lady" und "Invitation". Normalerweise muß ein großer Jazzmusiker nicht unbedingt betonen, daß er im Blues wie ein Fisch im Wasser schwimmt und die Improvisation über Akkordwechsel mit der Pieke auf gelernt hat. Das beschert ihm keinen Doktorhut, es ist erst einmal die Eintrittskarte in die große Universität der traditionellen afroamerikanischen Improvisationsmusik, einer oralen Kultur, die gleichwohl feste Spielregeln hat, die erst im Free Jazz fundamental in Frage gestellt wurden. Als dieser in den 60er Jahren mit den klar überschaubaren Strukturen der Blues und Standards brach, konnte man in der Schar der Innovatoren mit dem (wie man unter deutschen Jazzern mitunter sagt) "amtlichen" Umgang mit vertrauten Changes keine großen Lorbeeren ernten. "Klischees" - und dazu wurden auch viele Jazz-Standards und gängige Akkordfolgen gezählt - wurden vermieden oder zitiert, um sie zu negieren. Gerade Archie Shepp hatte damals zu den Gallionsfiguren des Free Jazz gehört und einige beliebte Songs, etwa "The Girl from Ipanema" oder "The Shadow Of Your Smile" so sehr gegen den Strich gebürstet, ihnen humoristische, sarkastische, parodistische, ironische, kritische, nur eben keine konventionellen Interpretationen angedeihen lassen. Sein Umgang mit diesen Stücken konnte durchaus als Kampfansage gedeutet werden und war zum Teil sicherlich auch so gemeint. Der Blues wurde aber auch in der Avantgarde-Zeit nicht ad acta gelegt, schon gar nicht von Archie Shepp. Er hat in der Free-Ära Blues wie "Mama Too Tight" und "Damn If I Know" eingespielt, die vielleicht sogar näher an den "roots" waren als so manches modische Soul Jazz - Stück jener Tage. Dennoch: Archie Shepp, der musikalischer Revolutionär, Bürgerrechtsaktivist, und noch dazu ausgebildeter Schauspieler und Dramatiker war, nahmen viele nicht ab, mit beiden Füßen in der Jazztradition zu stehen. Hatten die weißen Kritiker ihm und seinen Free Jazz - Kollegen in den 60er Jahren immer vorgeworfen, "non-players zu sein - Leute, die keine Grundlagen der Musik hätten", so hing ihm in den 70-er Jahren immer noch dieser schlechte Ruf nach. Was er 1993 Christian Broecking erzählte, liest sich fast so, als sei er in der Tat ein traditioneller Musiker, der eher zufällig, nicht zuletzt aus der Not heraus zu arbeiten, im Avantgarde-Lager landete: "Ich bin 1937 geboren. Ich bin in Philadelphia aufgewachsen mit Lee Morgan und Bobby Timmons, wir haben zusammen gespielt und zusammen gelernt. Das waren unsere Lehrjahre. Ende der fünfziger Jahre ging ich dann nach New York, heiratete meine erste Frau, und als unser Sohn geboren wurde, brauchte ich wirklich einen Gig. Aber keiner interessierte sich für mich, obwohl ich auf all den Sessions mit Freddie Hubbard usw. spielte. Dann empfahl mich der Bassist Buell Neidlinger an Cecil Taylor... Dann spielten wir die Platte 'The World Of Cecil Taylor' ein, meine erste Plattenaufnahme, 1960. Darüber wurde ich als Avantgarde-Musiker identifiziert. Ich konnte keinen Gig mit einer traditionellen Band bekommen, also startete ich meine eigene." Mit einer Serie von Alben für das Label "Impulse" spielte sich Archie Shepp nach vorne, gehörte ab Mitte der 60er Jahre neben seinem Mentor John Coltrane sowie Pharoah Sanders und Albert Ayler zu den wegweisenden Tenoristen des Free Jazz. Wer Ohren hatte, konnte aber schon damals Zeugnisse seiner tiefen Verwurzelung in der Jazz-Tradition hören. Mit seinem kraftvollen, vibratoreichen, expressiven Tenor-Sound knüpfte Shepp direkt an die großen Kollegen der Swing-Ära an - Coleman Hawkins, Ben Webster und die wilden Texas Tenors à la Illinois Jacquet - und weniger an die Bopper mit ihrer vergleichsweise nüchternen Tongebung, für die Phrasierung und Linienführung wichtiger waren. Doch auch im Repertoire machte sich die alte Schule bemerkbar: Insbesondere seine Interpretationen von Songs aus der Feder Ellingtons wie "In A Sentimental Mood" waren nicht nur (entgegen mancher verständnislosen Stimme, die zu Unrecht auch hier eine Persiflage witterte) respektvolle Hommagen, sie gehören mit zu den innig gefühltesten, die man den Werken des Duke je angedeihen ließ. Schon mitten in der Brandung des Free Jazz gehörte es zu Shepps Konzert-Ritualen nach Soli voller verzweifelter Aufschreie und tenoristischen Löwengebrülls innezuhalten und lyrische Kleinode wie "Prelude To A Kiss" oder "Sophisticated Lady" liebevoll darzubieten. Über ein Dutzend verschiedene Ellington-Songs hat er im Laufe der Jahrzehnte aufgenommen. "Sophisticated Lady", erstmals 1968 für das Impulse-Album "The Way Ahead" eingespielt und hier in der Turiner Live-Version auf dem Sopransaxophon zelebriert, fand dabei mindestens sechs Mal den Weg auf ein Shepp-Album. Mit dieser Leidenschaft für das Schaffen des 38 Jahre älteren Zeitgenossen, steht er freilich nicht allein da. Wie nur Wenige hat Ellington durch sein Lebenswerk den Menschen seines Volkes Respekt verschafft. So genoß er gerade auch unter jenen modernen und avantgardistischen Musikern, denen es auch um die Emanzipation der schwarzen Menschen ging, großes Ansehen; man denke an den von Ellington geradezu besessenen Charles Mingus. Der Kontrast zwischen Ellington und Shepp, jedenfalls dem der 60er Jahre, könnte allerdings nicht größer sein. Auf der einen Seite der elegante, weltmännisch-diplomatische Duke, der auch ein charmanter Plauderer war, dazu eine unterhaltende Show bot und dessen Musik - trotz "Dschungel-Atmosphäre" nicht nur dem schwarzen Erbe verpflichtet war, sondern auch eine akademische Seite hatte. Auf der anderen Seite Shepp, der sich wohl auch heute noch ausschließlich mit schwarzer Musik beschäftigt, lange Zeit nur in afrikanischen Gewändern auftrat und seinem Saxophon Klänge von einer erst im Laufe der Jahre etwas abgemilderten Schärfe entlockte, die man zur Zeit Martin Luther Kings und Malcolm X als zornige Attacke auf die Ungerechtigkeiten und die Verfolgung interpretieren konnte, aber von Teilen des Publikums gleichwohl als Attacke wahrgenommen wurden. Nun, in den späten 70-er Jahren, zur Zeit des vorliegenden Konzertmitschnitts, war Shepp kein Barrikadenkletterer mehr, vielmehr ein Herr im Maßanzug, dessen musikalische Schwingungen etwas (!) sanfter oszillierten, und doch einer, dessen Nähe zu Ellington erstaunte. Ungefähr zu dieser Zeit sagte er auch: "Duke ist mein Mann. Er ist das Banner der afroamerikanischen Musik. Er ist das beste in der Musik der letzten 50 Jahre!" Ab 1975 hielt er am Black Studies Department der Massachusetts University in Amherst Vorlesungen und Seminare über "revolutionäre Konzepte in der afroamerikanischen Musik" und "schwarze Musiker im Theater", wobei seine Studenten übrigens überwiegend Weiße waren. Das mag akademisch klingen, doch Shepps Weg führte in den 70-er Jahren von einer eher intellektuellen, fast elitären Haltung zu mehr Volksnähe. Damals hatte seine Musik zugleich mit ihrem avantgardistischen Gestus etwas von ihrer anfallhaften Wucht verloren ohne deswegen zahm geworden zu sein. Die bewundernswerte Expressivität seines Sounds stand nun vielmehr im Dienste einer bewußten Hinwendung zu leichter faßlicher Musik, ohne daß man ihn deswegen als restaurativ oder gar kommerziell bezeichnen könnte. Was viele als das Konservativ-Werden eines in die Jahre kommenden Musikers auffaßten, war in Wirklichkeit eher eine Öffnung, Weitung, ja vielleicht sogar eine Art Verjüngung eines Musikers, der zur Zeit des Konzertmitschnittes gerade mal 40 Jahre alt war. Hatte der junge Shepp nicht nur die Nase über kommerzielle Musik gerümpft, sondern einige beliebte Themen musikalisch rabiat in der Luft zerfetzt, so wurde es ihm zunehmend wichtig, musikalisch mit seinem Volk, das heißt den schwarzen Menschen der USA verbunden zu bleiben, was auch die Achtung der Popularmusik im Weistesten Sinne mit einschließt. Es ging ihm nicht um Jazz - er spricht auch heute noch lieber von "black music" - es ging um die "Totalität" der afroamerikanischen Musik: "Ich betrachte die Musik meines Volkes als ein Ganzes und mache keinen Unterschied zwischen Max Raoch und Mahalia Jackson, zwischen Stevie Wonder und Charlie Parker. Für mich sind Otis Redding und das 'negro spiritual' die gleiche Sache. ... Aber die Etiketten, die von Kritikern der Musik aufgeklebt haben, sind nur eine andere Möglichkeit 'Neger' zu sagen." Cameron Brown, Siegfried Kessler und Clifford Jarvis paßten mit ihrer Spielauffassung, die noch ihm Rahmen der modernen Jazztradition verwurzelt war ohne die von der Avantgarde erreichten Freiheiten zu negieren, bestens zum Shepp jener Tage. Brown hat vor allem zwischen 1975 und 1977 in Europa, aber auch in späteren Jahren mit Shepp zusammengearbeitet. Bekannteste Frucht war wohl das 1976 in Nürnberg eingespielte Enja-Album "Steam", dessen Titelstück ein Jahr später in Turin eine ganz neue Interpretation erfuhr. Ein weniger bekanntes, am 12. Oktober 1977 von Shepp, Brown und Jarvis in Rom für Horo eingespieltes Album, in dem ebenfalls die Stücke "Sophisticated Lady" und "Things Have Got To Change" zu hören sind, trug den programmatischen Titel "The Tradition". Wenige Tage später spielten die drei in Paris mit Siegfried Kessler drei Alben ein. Kessler hat bis Mitte der 80-er Jahre viel mit Archie Shepp zusammengearbeitet, so spielte er mit seinem Trio und dem großen Saxophonisten das Album 1979 das Album "Invitation" ein, dessen Titelsong ja auch in Turin auf dem Programm stand. Trotz der guten diskographischen Dokumentation der Zusammenarbeit Shepps mit diesen Musikern und dieser speziellen Tour - einige Alben sind jedoch Raritäten - bieten die beiden DVDs als Filme eine zusätzliche optische Dimension. Jazzfreunde wird es freuen, den Drummer Clifford Jarvis wieder zu sehen, der zwischen 1977 und 1988 oft mit Shepp zu erleben war, jedoch 1999 im Alter von nur 58 für immer seine Stöcke aus der Hand gelegt hat. Jarvis war von 1961 bis 1976 als Schlagzeuger an der Seite des Sun Ra bekannt geworden, eine der mysteriösesten, originellsten und umstrittensten Persönlichkeiten der Jazz-Avantgarde. Seinen Ruf als vielseitigen Drummer erwarb sich Jarvis aber mit etwas so Handfestem wie Hardbop. Seine Vorbilder waren Art Blakey, Phily Joe Jones, Elvin Jones, Max Roach und von den Älteren Sid Catlett. Er hatte vor seiner Avantgarde-Zeit mit Größen wie Chet Baker, Freddie Hubbard, Yusef Lateef und Barry Harris Aufnahmen gemacht, doch er spielte so intensiv, wohlgemerkt intensiv, aber nicht laut, daß einige Kollegen dies als zu wild und schwierig empfanden. Mit diesem Hintergrund war er freilich ein idealer Drummer für Shepp. Seit diesem Konzert sind fast dreißig Jahre vergangen. Neulich erklärte Archie Shepp in einem Interview: "Der Jazz ist tot!" Dabei verwies er zum einen auf die Unmöglichkeit der Ghetto-Bewohner sich ein Saxophon zu leisten, zum anderen auf die mangelnde Originalität im heutigen Jazz. "Was uns bleibt? Wir haben die Aufgabe, die Tradition zu erforschen und sie in einen aktuellen Kontext zu übersetzen." Solange dies Menschen wie Shepp tun, steckt noch reichlich Lebenskraft in der afroamerikanischen Improvisationsmusik.
Marcus A. Woelfle
Anzahl:
|