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ID: DV-OPMEPDVD
Künstler: Frittoli; Ganassi; Abdrazakov, Schrott; Scala
Komponist: ROSSINI GIOACHINO
VÖ Datum: 2005-11-01
Label: TDK Recording
Region: Oper
Stil: Rec. Scala 2004
Typ: DVD 2
Anzahl DVD 2s: 2
Code: 235
Preis: 35,00 EUR (exkl. MwST.: 29,17)
Info:
Barbara Frittoli (Anai) Sonia Ganassi (Sinaide) Ildar Abdrazakov (Moise)
Orchestra e Coro del Teatro alla Scala Riccardo Muti
Regie Luca Ronconi
Rossinis Moïse et Pharaon
Der größte Themensteinbruch für die Musik, und später für Hollywood, ist ohne Frage die Bibel. Die Oper griff besonders gern zu den dramatischen und blutrünstigen Geschichten des Alten Testaments: Die Moses-Erzählungen im Buch Exodus, die sieben Plagen, der Zug durchs Rote Meer, der Untergang der ägyptischen Verfolger - das sind Herausforderungen für jeden Bühnenbildner und jeden Opernkomponisten. Nach den großen Stoffen zu greifen, gehört zum Ehrgeiz der Jugend. Gioachino Rossini war dreiundzwanzig, aber schon eine Berühmtheit, als ihn Domenico Barbaia, der Impresario des Teatro San Carlo, 1815 nach Neapel holte. Die Begierde des Publikums nach Neuem war groß, Rossinis Schaffenskraft ungeheuer: Zwischen 1815 und 1823 schrieb er jährlich drei Opern - Opere serie, semiserie (»halb ernste«) und buffe (später in Paris war es nur noch eine pro Jahr). In Neapel veroperte er auch die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten, bereichert durch eine unglückliche Liebesgeschichte: Am 5. März 1818 wurde in Neapel Mosè in Egitto uraufgeführt. Rossinis Ehrgeiz äußerte sich musikalisch in weitgespannten, durchkomponierten Szenen. »Das Oratorium ist fast fertig, und es geht gut. Aber es ist im allerhöchsten Stil, und ich weiß nicht, ob diese Makkaronifresser es kapieren werden,« schrieb er an seine Mutter.
Die Eroberung von Paris Italien genügte Rossini nicht mehr. Barbaia übernahm neben seinen neapolitanischen Theatern auch die Leitung des Wiener Kärntnertor-Theaters und veranstaltete dort 1822 ein Rossini-Festival. Die Beliebtheit des Barbiere di Siviglia spiegelt Karl Meisls Parodie Der Barbier von Sievering. Beethoven (der wohl nur den Barbiere kannte) gab Rossini den maliziösen Rat, er solle nur komische Opern schreiben. Rossini, der auszog, um Europas Opernbühnen zu erobern, hielt sich zum Glück nicht daran. Als er 1824 Direktor des Théâtre Italien in Paris wurde, plante er seinen Feldzug umsichtig wie ein moderner Marketing-Manager. Er lernte Französisch, studierte die Pariser Vorliebe für großen Chorszenen und spektakuläre Tableaus. Bevor er sich an neue Opern machte, testete er sich selbst und den Markt mit zwei seiner besten Werke, die er für Paris adaptierte. 1826 führte er die Opéra Le Siège de Corinthe auf, eine Umarbeitung von Maometto secondo. Mosè in Egitto stand bereits auf dem Spielplan des Théâtre Italien, als Rossini sich selbst Konkurrenz machte: Am 26. März 1827 kam an der Opéra die französische, auf vier Akte erweiterte und um das in Paris obligate Ballett bereicherte Neufassung als Moïse et Pharaon, ou Le Passage de la Mer Rouge auf die Bühne. Die Oper war so erfolgreich, dass sie - höchst ungewöhnlich für die damalige Zeit -- bis 1865 im Repertoire blieb. Mit Moïse et Pharaon traf Rossini auch deshalb ins Schwarze, weil das Interesse an allem Ägyptischen gerade sehr stark war. Napoleon hatte sich auf seinem Ägyptenfeldzug als Kunsträuber in großem Stil betätigt. Archäologen begleiteten die Armee, die Auffindung des dreisprachigen Steins von Rosette erlaubte 1822 Champollion, zwei Jahre älter als Rossini, die für unmöglich gehaltene Entzifferung der Hieroglyphen. Rossini übernahm zwar viel von Mosè in Egitto, änderte aber in Nuancen so gut wie Alles. In Neapel hatte er in der Opera seria einen koloraturenreichen Stil gepflegt, der die Virtuosität der Sänger befriedigte. In Paris reduzierte er die Verzierungen zugunsten klarer melodischer Linien, wertete die Rolle des Chors, also des israelitischen Volkes, erheblich auf und vermied die Lächerlichkeiten holpriger Übersetzungen: Luigi Balocchi und Étienne de Jouy schrieben unter freier Verwendung des alten Librettos von Tottola einen ganz neuen Text, einige Figuren bekamen dabei sogar neue Namen.
Die alte neue Geschichte Die Arien der beiden Protagonisten, des Pharao und des Propheten, hatte Rossini in der Erstfassung des Mosè erstaunlicherweise seinem Mitarbeiter Carafa und einem anderen, namenlosen Ghostwriter anvertraut. Erst in Paris strich er, was nicht von ihm war oder was ihm dramaturgisch nicht mehr passte, und komponierte Neues hinzu, so sämtliche Rezitative in französischer Sprache. In der Neufassung ist die theaterwirksame Plage der Finsternis über Ägypten vom ersten in den zweiten Akt verlegt, die Oper beginnt jetzt mit der Rückkehr von Moïses Bruder Éliézer zu den gefangenen Israeliten. Éliézer kommt in Begleitung von Marie, Moïses Schwester, und deren Tochter Anaï. Er berichtet, der Pharao wolle die Juden ziehen lassen - entgegen dem Rat des Oberpriesters Osiride, doch seiner zum jüdischen Glauben konvertierten Frau Sinaïde zuliebe und aus Furcht vor dem mächtigen Judengott. Sein Sohn Aménophis liebt Anaï, die er als Sklavin am Hof seines Vaters kennen gelernt hat und die seine Liebe auch erwidert. Trotzdem will sie mit ihrem Volk fortgehen, was Aménophis zur Rache an den Juden anstachelt. Er sucht ihren Abzug zu verhindern, aber Moïse droht Ägypten mit fürchterlichen Plagen. Der Pharao nimmt seine Erlaubnis zum Abzug zurück, und prompt geht im Finale des ersten Aktes ein Feuerregen nieder, eine Pyramide wird zum Vulkan. Es bedarf weiterer drei Akte, um die Juden zu befreien: Im zweiten Akt will der Pharao seinen Sohn mit einer Prinzessin verheiraten, dem das gar nicht gefällt. Im dritten gibt es feierliche »ägyptische« Tänze vor dem Isis-Tempel (das obligate Ballett). Der Oberpriester Osiride verlangt, dass auch die Juden Isis anbeten, worauf der Nil blutrot wird und Heuschrecken über Ägypten herfallen. Im vierten Akt ist Aménophis bereit, Anaï zuliebe auf den Thron zu verzichten und den Juden die Freiheit zu geben, doch sie sieht die Ihren in Ketten und folgt, von Moïse vor die Wahl zwischen Liebe und Gottesgehorsam gestellt, ihrem Volk. Erneut stößt Aménophis Racheschwüre aus. Die Israeliten beten zu ihrem Gott, werden auf wunderbare Weise von ihren Ketten befreit und fast vom ägyptischen Heer massakriert, aber Moïse teilt die Fluten des Roten Meers, und die Juden ziehen trockenen Fußes hindurch, während ihre Verfolger ertrinken.
Moïse in Mailand Im Teatro degli Arcimboldi hat Luca Ronconi in der Ausstattung von Gianni Quaranta nicht gespart mit verschlüsselten Anspielungen an die Zeit Rossinis und an heute. Mitten in der ägyptischen Wüste steht ein großer Kirchenorgelprospekt, den Aristide Cavaillé-Coll im 19. Jahrhundert entworfen haben könnte. Die Kirche, ein barockisierter gotischer Dom, steht als Symbol für die religiöse Sphäre der judenfeindlichen Ägypter, das Rote Meer öffnet und schließt sich mit Hilfe einer altertümlich historisierenden Bühnenmaschinerie. Nach der berühmtesten Musik des Moïse, dem Gebet »Des cieux où tu résides«, meinte Rossini wohl selbst, nun sei genug gebetet worden. Das Dankgebet am Schluss ließ er weg, und Riccardo Muti, stets um Werktreue bemüht, tut es ihm nach. So endet das Libretto mit den schrecklichen Worten des Pharao, die auch im 20. Jahrhundert ausgesprochen wurden: »Exterminons une coupable race - Lasst uns eine schuldige Rasse ausrotten!« Dann trifft das Gottesgericht die Lästerer und ertränkt sie.
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